Uwe Timm

Uwe Timm liest aus Ikarien

    Im Rahmen der diesjährigen lit.ruhr hat am vergangenen Freitag Uwe Timm aus seinem neuen Roman Ikarien vorgelesen und begeistert.

Der Abend beginnt damit, dass Uwe Timm erläutert, was der Begriff Ikarien überhaupt bedeutet. Die Idee einer Insel, dessen Staat gegründet wurde mit dem Willen in vollkommener Gleichheit und einem sozialen Miteinander zu leben; erwähnt in dem Roman „Voyage en Icarie“ (Reise nach Ikarien) von Étienne Cabet.

Außerdem ein kurzer Einstieg in die Eugenik und Timms persönliches Interesse der Klärung der Frage, wie es überhaupt immer wieder zu herrschendem Rassenhass kommt. Denn darum geht es knapp zusammengefasst im Roman Ikarien: die Frage nach dem Ursprung der Annahme, dass es bessere, wertigere Menschen oder Rassen gibt, als andere.

Sprache und Leidenschaft

Bevor Uwe Timm die ersten Passagen aus dem Buch vorliest, kommt er nicht umhin, begeistert über die Arbeit der beiden Damen zu sprechen, die den Abend in Gebärdensprache dolmetschen. Mit Händen und Mimik, was doch so voller Leidenschaft ist, und grundsätzlich hat Sprache doch so viel mit Leidenschaft zu tun und das wird in der Gebärdensprache so schön deutlich.

Dann liest er die ersten Zeilen aus Ikarien – nicht ohne noch einmal kurz abgelenkt zu werden, von den Damen, die weiterhin in Gebärdensprache übersetzen. Sympathisch.

Er lebt. Ich bin Zeuge. Er hat überlebt.

Er lief durch die Straße und lachte und rief etwas und tanzte, ein wenig tapsig, aber es war ein Tanz, und er klatschte in die Hände. Niemand hatte ihn je zuvor gesehen. Wie vom Himmel gefallen. Gedrungen war er und lallte, ging die Straße hinunter, vorbei an den Trümmern des Eckhauses, entlang der tarngrauen Fassade, aus der weiße Betttücher hingen, vorbei an dem Milchladen, am Schuhgeschäft, am Fischladen Grün, ihm entgegen kam Adolf Andersen, an diesem Frühlingstag nicht in brauner Uniform und glänzenden Schaftstiefeln, sondern in unauffälligem Grün, grün, grün, grün sind alle meine Kleider, auch hob er nicht, wie gestern noch, den Arm, rief nicht Heil, nein, er zog den Hut, grüßte übertrieben freundlich nach rechts und links, stutzte, blieb stehen, als dieser tapsende Junge ihm grinsend entgegenkam und seine kurzfingrige Hand ausstreckte, die Andersen nahm, überrascht und verlegen, und schon tappte der Junge weiter, stieß eigentümlich gurgelnde Rufe aus, Schreie, kein Schmerz, wohl eher Lust, vielleicht beides, Schmerzlustschreie – aus dem Mund, der zu klein schien für die Zunge, quollen Worte: Wolken meinte wohl eins, ein anderes Baum und eins Himmel. Oder Himmler? Nein, Himmel.

Die Geschichte packt mich und mir wird klar, dass das Buch über das Grundwissen, dass ich über das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte habe, weit hinausgeht, auch wenn es in Timms phantastischer Sprache, weniger bedrohlich und weniger grausam wirkt. Was mit Sicherheit nicht seine Absicht ist, aber sein Stil ist wie gewohnt erzählerisch und nimmt dem Thema ein wenig die Schwere. Was ja durchaus kein Nachteil ist.

Materie ist Teil von Timm

In der Lesepause erläutert er auftauchende Personen: Plötz, Wagner, Michael Hansen, …
Wer ist real, wer fiktiv, wie stehen sie in Verbindung zueinander.
Enthusiastisch erzählt Timm vom eingelesenen Hörbuch, bei dem der Leser Ulrich Noethen geschickt zwischen der deutschen und der englischen Aussprache des Namens Michael Hansen wechselt und so Hansens deutsche Wurzeln, als auch seine amerikanische Staatsgesinnung verdeutlicht.
Erwähnt, in welchem Verhältnis er selbst zu Plötz steht, ist dieser doch der Großvater seiner Frau. Seine Erzählungen bieten eine unglaubliche Menge an Hintergrundwissen zur Geschichte, die einem als Leser sonst verborgen bleibt. Lange hat er an dem Roman gearbeitet und das merkt man. Die Materie sitzt nicht nur, sie ist Teil von ihm.

Er ist gänzlich in der Geschichte und beantwortet die Fragen der Moderatorin Randi Crott mit all seinem Umfang, ohne bloß an der Oberfläche zu kratzen.
Crott weist schließlich auf das nahende Ende der Lesung hin, aber Timm lässt sich nicht beirren, tut den Hinweis ab mit einem lakonischen „wem es zu spät wird, der kann jederzeit gehen“, worauf er Lacher erntet und beendet dann ohne Hast seine Gedanken und Ausführungen.

Er erläutert, warum es mit diesem Roman so lange gedauert hat; dass erst der Tod seiner Mutter und seiner Schwester ihm die dafür benötigte Freiheit gaben, unbefangen über das Thema schreiben zu können. Denn „Wenn man darüber schreibt, darf man auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen.“

Es werden abschließend noch ein paar Seiten gelesen und dann findet der Abend seinen Ausklang, während Uwe Timm Bücher signiert und kurze Gespräche führt. Sich bedankt für den Besuch (man beachte die Wortwahl) – was ernst gemeint klingt und nicht nach Floskel.

Links zur Leseprobe von „Ikarien“ und zur Verlagsseite des Buches.
Die Lesung war Teil der lit.ruhr und ich konnte teilnehmen, da ich zuvor Karten für die Lesung bei einem Gewinnspiel des Verlages Kiepenheuer & Witsch gewonnen habe. Vielen Dank für einen wunderbaren Abend!
Das Foto von Uwe Timm ist von Gunter Glücklich – www.guntergluecklich.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.